Die narrative Verzerrung und wie Sie sie für sich nutzen können

Wir alle wollen die beste Version von uns selbst sein, aber wir sind menschlich und haben Schönheitsfehler. Es gibt einige Dinge, in denen wir richtig gut sind, und andere Dinge, die uns zurückhalten. Ein Beispiel sind kognitive Verzerrungen, bei denen die Hirnchemie unser Denken verfälscht. Ich werde mit Ihnen meine Erfahrungen mit einer dieser kognitiven Verzerrungen - der narrativen Verzerrung - teilen und zwei Möglichkeiten zeigen, die ich entdeckt habe, damit ich es für mich nutzen kann. Ich hoffe, das hilft Ihnen auf Ihrem Weg.

Mai 20, 2021

Das grundsätzliche Problem mit narrativen Verzerrungen ist unsere Liebe für Geschichten und unser Vermögen, diese zu erschaffen.

Unsere Gehirne ähneln teilweise Computern: Sie erhalten Informationen durch unsere Sinne, verarbeiten sie und geben dann etwas aus. Aber anders als Computer können unsere Gehirne von der großen Menge an diversen Informationen, die sie erhalten, überwältigt werden. Als Reaktion darauf kreieren sie etwas Einfacheres, um Narrative zu manipulieren und abzuspeichern.

Dieses Wissen kann auf positive Weise genutzt werden, zum Beispiel durch Techniken wie „Gedächtnispalaste“, die für das Merken von Gegenstandslisten verwendet werden können. Es funktioniert, indem man sich eine bestimmte Route in einem vertrauten, physischen Ort, wie zum Beispiel die Räume eines Hauses, vorstellt und Dinge, die man sich merken möchte, geistig in die einzelnen Räume platziert. Es ist das Erschaffen eines Narrativs mit den Dingen, die Sie behalten müssen, und das Sie wiederholen können, wenn Sie es brauchen. Großmeister des Gedächtnissports können sich die Reihenfolge von zehn Kartendecks einprägen, indem sie Techniken wie diese anwenden.

Narrative, nicht Fakten

Aber unsere interne Nutzung von Narrativen kann auch zu Problemen führen, indem Verzerrungen in unser Denken eingeführt werden. Das Narrativ, an das wir uns erinnern, ist nicht faktisch. Es ist überlagert von unseren Beurteilungen, Rechtfertigung etc. Aber wenn wir uns erinnern, ist es einfacher, das Narrativ wie einen Fakt zu behandeln.  Das nennt man Narrative Verzerrung. Dieser Effekt kann uns beim Verstehen und Umgang mit Missverständnissen auf der Arbeit helfen.

Zum Beispiel beschäftigt sich mein Beruf mit der Verwaltung von größerer Kundenaccounts. Ich treffe mich oft mit Kund:innen, um ihre sich ständig weiterentwickelnden Bedürfnisse zu besprechen, sodass wir unsere Interessen für eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung angleichen können. Aber nach meinen Erfahrungen verließen die Parteien diese Treffen manchmal mit einem widersprüchlichen Verständnis der Diskussion. Der Zyniker in mir dachte zuerst, dies geschehe aus eigennützigem Interesse. Und das kann sehr frustrierend sein. Aber jetzt habe ich eine andere Wahrnehmung. Es ist wahrscheinlich weder Egoismus noch Unehrlichkeit. Es ist viel eher das Ergebnis kognitiver Verzerrungen wie zum Beispiel die narrative Verzerrung.

Zunächst versuchte ich dem entgegenzusetzen, indem ich die narrative Verzerrung aus meinem eigenen Denken beseitigte. Ich versuchte, Beurteilung und einfache Rechtfertigungen zu vermeiden. Das ist gescheitert. Dem Sog der Narrative zu widerstehen war anstrengend. Stattdessen fokussierte ich mich auf zwei simple, praktische Dinge, die diese beruflichen Begegnungen für mich revolutionierten.

Das Narrativ korrigieren

Das erste, was ich getan hab, war, anders Notizen zu machen. Ich schrieb die genauen Worte, die Menschen sagten, in Anführungszeichen neben meine üblichen Notizen. Ich schrieb nur Kernsätze auf – vielleicht ein oder zwei pro Minute. Das half mir dabei, Beurteilung und Rechtfertigung auszuschalten, indem ich genau aufschrieb, was Menschen sagten. Ich hatte ein beständigeres Protokoll des Meetings als mein narratives Gedächtnis. Das gab mir mehr Zeit darüber nachzudenken, was passiert war, und die Möglichkeit, später direkt nachzuschauen, was gesagt wurde.

Das zweite, was ich tat, war, meine Wahrnehmung während des Meetings zu testen. In passenden Momenten erzählte ich meinen Kund:innen mein Narrativ und fragte sie, ob sie es verstanden hatten. Das half nicht nur dabei, die Gelegenheit zu erwischen, in denen ich mein Narrativ korrigieren musste, sondern zeigte den Kund:innen, dass ich ihnen wirklich zuhörte.

Das Knifflige daran ist jedoch, wie Sie diese Notizen verwenden. In einem Disput kann es sehr effektiv sein, Menschen in Ruhe zu erzählen, was sie vor drei Monaten gesagt haben. Aber wenn Sie nicht gerade sehr taktvoll sind, kann das schnell nach hinten losgehen. Bedenken Sie, dass die Person, mit der Sie gerade sprechen, ihre eigenen kognitiven Verzerrungen hat. Seien Sie freundlich zu ihnen. Im Zweifelsfall habe ich festgestellt, dass ein guter Kompromiss in den meisten Situationen darin besteht, nochmals Ihre Wahrnehmung zu testen: „Wenn ich auf meine Notizen schaue, habe ich notiert, dass Sie das gesagt haben und ich verstehe das wie folgt. Habe ich das richtig verstanden?“ Zusammen können Sie sich auf ein Narrativ einigen, dass für alle passt.

Die Ergebnisse

Diese zwei Techniken haben sich bewährt. Ich wurde regelmäßig ausgewählt, um unsere größten und komplexesten Accounts zu verwalten, aber ich fühlte mich auch in mir selbst viel wohler mit dem Wissen, dass ich einen guten Job machte und dem Vertrauen, dass meine Entscheidungen fair und vernünftig waren.

Wenn diese Idee bei Ihnen Widerhall findet, ermutige ich Sie, direkt heute damit zu beginnen. Es wird sich zunächst unnatürlich anfühlen, aber zwingen Sie sich dazu, das für einige Wochen durchzuhalten. Es wird Ihnen deutlich leichter fallen. Wenn Sie mehr erfahren möchten, empfehle ich Ihnen das Buch Der Schwarze Schwan. Ich fand es anstrengend zu lesen, aber inspirierend.

Steve Raffe, VP Global Alliances bei StarLeaf